Das Ende der Wehrpflicht
Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat gestern im deutschen Parlament das Ende der Wehrpflicht verkündet. Die Worte im Bundestag wurden heute auf Spiegel Online bestätigt. Faktisch würde die Wehrpflicht in zehn Jahren nur noch auf dem Papier existieren.
Natürlich sagte zu Guttenberg gestern, er sei ein grundsätzlicher Befürworter der Wehrpflicht, denn es handele sich dabei um die “richtige Wehrform” und eine “Erfolgsgeschichte”. Dennoch sei eine “grundlegende Strukturreform” nötig, die er in ihren Grundzügen bereits mit der Amtsübernahme in Gang gesetzt habe. Und diese Reform beinhalte eben auch den “Anpassungsbedarf bei der Wehrform”.
Es ist ein unehrliches Spiel, das der Verteidigungsminister mit dem Parlament und der deutschen Öffentlichkeit spielt. Denn die Änderung der Wehrform, die als gegeben verkauft wird, sei gleichzeitig mit dem Umstand zu sehen, dass “auch der Verteidigungshaushalt einen Beitrag zur Haushaltskonsolidierung leisten muss”.
Zwar wird die Struktur der Bundeswehr unter den Gesichtspunkten Auftrag, Zielsetzung und künftige Herausforderungen gesehen, aber diese schwammigen Begriffe müssen noch gefüllt werden. Dafür findet sich die seit (wenigstens) zwanzig Jahren währende Einsatz-Realität. Das Denken vom Einsatz her; die Fähigkeit zum Einsatz. Damit ist der Sinn der Bundeswehr definiert und die Strukturkommission hat eine klare Zielvorgabe erhalten.
Nach dem überstürzten Rücktritt von Bundespräsident Horst Köhler wurde in Kommentaren auch die fehlende Rückendeckung der Regierung bemängelt, sie sei dem Präsidenten nicht zur Seite gesprungen. Vor diesem Hintergund muss nun die in der Debatte um die zukünftige Wehrform zunächst eigentlich unerhebliche Selbstverständlichkeit gesehen werden, dass die Einsätze der deutschen Bundeswehr “rechtlich und politisch legitim”, aber “auch militärisch vertretbar und verantwortbar” sein müssen.
Strukturelle Überlegungen, wie sie nun angestellt werden gehen mit den geforderten Einsparleistungen einher. Und ein nennenswerter Beitrag kann dem Minister zufolge nur im Bereich des Personals geleistet werden. Diese verständliche Argumentation, die Diskussion über die personelle Reduzierung der Bundeswehr ist ja seit Jahren in Gange, kann sich ja – und auch darüber wurde in den letzten Tagen debattiert – auch auf die Zeit- und Berufssoldaten oder ziviles Personal beziehen. Doch wieso geht der Minister dann so sehr auf die Verschwendung von Ressourcen ein? Die durch Rekruten gebundenen Ressourcen dürften nicht blockiert werden.
Wüsste man es nicht besser, könnte man die im Parlament gehaltene Rede auch als eine Verteidigung der Abschaffung (neudeutsch: Aussetzung) der Wehrpflicht halten. Keine Denkverbote, keine Tabus. Dies ist wohl der berühmte Wink mit dem Zaunpfahl. Es klingt fast wie eine Aufforderung. Denn ob die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr durch den Abbau von 40.000 Zeit- und Berufssoldaten weiterhin gegeben ist, darf durchaus bezweifelt werden.
Anstatt eine klare Richtung vorzugeben, werden unterschwellig Prämissen gesetzt. Unter diesen politischen Vorgaben wird die Strukturkommission wohl die Aussetzung der Wehrpflicht vorschlagen, den Rückhalt in der Regierung hat sie und im Anschluss kann sich das der Verteidigungsminister auf die Ergebnisse seiner Kommission berufen. Focus Online meldet, dass bereits ab November 2010 keine Einberufungsbescheide mehr versandt werden sollen. Und sogar der der Generalinspekteur Volker Wieker habe die Inspekteure der Teilstreitkräfte angewiesen, zukünfitg mit einer Truppenstärke von 150.000 zu planen.
Der Redebeitrag im Parlament auf Youtube:
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13. Juni 2010 um 00:40
So einfach ist die Wirklichkeit nicht. Lesen Sie doch einen Hinweis auf mein Interview und mein Interview selbst. Ich möchte gern helfen, innerhalb der Union zu vermitteln, durch innovative Ideen und meine Erfahrung:
http://www.focus.de/politik/deutschland/wehrpflicht-karl-theodor-gegen-den-rest-der-union_aid_518601.html
Interview Schwäbische Zeitung Kiesewetter: http://bit.ly/d96s5K
Beste Grüße Roderich Kiesewetter MdB
13. Juni 2010 um 18:41
Sie haben recht, dass die Wirklichkeit nicht so einfach ist. Besser: Sie sollte nicht so einfach sein. Die parteipolitischen Grundideen (in diesem Falle die der CDU, die Sie ja in Ihrem Interview auch ausführen) sollten eigentlich auch die Politik des Verteidigungsministers beeinflussen. Warum springt die Kanzlerin (und CDU-Chefin) zu Guttenberg dann so schnell in der Frage nach der Abschaffung der Wehrpflicht bei?
“Sicherheitspolitik nach Kassenlage” wurde ja bereits vom Minister dementiert. Ich befürchte nur, dass die derzeitige Lage nichts anderes zulässt und zu Guttenberg kein allzu starker Vertreter der Wehrpflicht ist. Sonst würde er sich für sie stark machen.
13. Juni 2010 um 00:42
Die Erfahrung beruht auf 27 Jahren Bundeswehr auf diversen Führungsebenen national wie international und viel Herzblut.
13. Juni 2010 um 19:39
Ich vermisse in der Wehrpflichtsdiskussion belastbare Argumente für deren Beibehaltung. Von den Befürwortern habe ich bislang nur schwache Argumente gehört:
- Mit Zeit- und Berufssoldaten wäre die Bw eine Gefahr für die FDGO (freundlich ausgedrückt: Die Verankerung der Bw in der Gesellschaft wäre in Gefahr)
- Es gibt die Wehrpflicht schon so lange, dass man nicht einfach so aus ihr aussteigen könnte (Argument von Ernst-Reinhard Beck, der offenbar die Entwicklung seit 1990 nicht mitbekommen hat)
- Man dürfe Sicherheitspolitik nicht “nach Kassenlage” machen. Tatsächlich aber ist die Verknüpfung von Interessen und Fähigkeiten der Kern strategischen Handeln. Sicherheitspolitik ohne Rücksicht auf zur Verfügung stehende Ressourcen führt zur Überdehnung der eigenen Fähigkeiten.
Das stärkste Argument ist noch, dass die Nachwuchsgewinnung ohne sechsmonate Zwangspraktika vor Problemen stünde. Andere Nationen bekommen das aber ganz ohne Zwang hin: http://weblog-sicherheitspolitik.info/2009/11/15/militarische-nachwuchsgewinnung-alternativen-zu-zwangspraktika/
13. Juni 2010 um 20:05
Zu 1. Ich finde dieses Argument gar nicht so sehr schwach. Es stellt sich die Frage, welche Bevölkerungschichten eine militärische Karriere, die einen Auslandseinsatz als Pflicht beinhaltet, wählen und warum. Im Offz-Korps habe ich da keine Bedenken…
Zu 2. Becks Argument ist typisches “konservatives” Denken. Wenn man dazu sagt, dass die Wehrpflicht die Bundeswehr zu der Armee gemacht hat, die sie heute ist, wirkt das schon ganz anders.
Zu 3. Deutschland weiß momentan einfach überhaupt nicht mehr, wozu es überhaupt eine Armee unterhält. Das Sicherheitsbedürfnis seiner Bürger definiert die Existenz der Bw längst nicht mehr. Die Auslandseinsätze sind stark umstritten. Und wozu sollen die Jungen 6 Monate “für diesen Verein opfern”? Bündnisverpflichtungen: Wozu denn? Das sind die Fragen und Probleme, vor denen man auch den Sinn der Wehrpflicht erklären muss.
Und was ich von Truppenoffizieren höre, dann rekrutieren sich eine ganze Mnge der SaZ’s aus den Wehrpflichtigen. Junge Menschen, die am ersten Tag sagen, sie wollen nur ihren Dienst hinter sich bringen und 4 Wochen später verpflichten sie sich. Das ist aus meiner Sicht eines der stärksten Argumente.